Kirche und Macht heute

Unsere Forderung: Teilt Macht und Verantwortung!

In der Jugend(verbands)arbeit leben wir Partizipation durch eine gemeinsame Leitung: Menschen verschiedenen Geschlechts, Geistliche und Lai*innen. Ausgehend von unseren positiven Erfahrungen erwarten wir in der katholischen Kirche eine Leitung, die durch Vielfalt und Parität stark ist und in der sich Lai*innen und Geistliche auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam gestalten.

Was ist Macht? Eine Definition.

Macht ist nicht per se negativ, sondern zwiespältig:

Macht meint soziologisch zunächst neutral die Fähigkeit, eigene Interessen oder die Interessen einer Gruppe um- oder durchzusetzen.

Macht ist eigentlich etwas Positives: Macht meint das Vermögen, etwas zu bewirken, Einfluss zu nehmen, zu gestalten im Gegensatz zu Ohnmacht, also der Erfahrung, den Geschehnissen hilflos ausgeliefert zu sein.

Macht kann jedoch auch negativ besetzt werden: Machthaben kann mitunter die Möglichkeit bedeuten, über oder gegen andere Macht auszuüben, die eigenen Mitmenschen kleinzuhalten, zu manipulieren oder sogar zu schikanieren. Das Entscheidende an Macht ist: Es ist eine Fähigkeit, eine Möglichkeit, ein Vermögen, ein Potenzial. Ob und wie ich sie ausübe, liegt also in meiner Hand. Ich kann Macht auch innehaben, aber bewusst auf die Ausübung verzichten oder die Macht teilen. Ich kann Macht missbrauchen, ich kann sie aber auch nutzen, um andere zu ermächtigen, sie stark zu machen und sie dazu zu befähigen, für sich selbst und für andere Verantwortung zu übernehmen.

Die katholische Kirche und die hierarchische Macht

Wie begründet unsere Kirche die eigene hierarchische Verfasstheit?

Das Weiheamt wird in der Tradition verknüpft mit drei Aufträgen:

  • dem Lehramt
  • dem Heiligungsamt
  • dem Leitungsamt

Diese „Aufgabenbereiche“ sollen der Papst, die Bischöfe und Priester im Dienst der Kirche ausüben – und sie berufen sich dabei auf die Nachfolge Jesu als Prophet, Priester und König.

Das 2. Vatikanum betont zugleich das allgemeine Priestertum und die Teilhabe aller Getauften am Priester-, Propheten- und Königsamt Christi sowie den Glaubenssinn aller Gläubigen. Eine konsequente Klärung, was dies jedoch auch für eine Umgestaltung der kirchlichen Strukturen zu bedeuten hat, ist jedoch bislang nicht vollzogen worden.

Wie Jesus Machtstrukturen hinterfragte

Gerade, wenn sich auf die Nachfolge Jesu berufen wird, lohnt sich auch ein Blick darauf:

Worin bestand eigentlich Jesu Macht? Wie ist Jesus mit Macht umgegangen?

Jesu Worte und Taten ließen seine Zeitgenoss*innen nach seiner Bevollmächtigung fragen. Die Mächte, die er überwand, waren vor allem innere („Dämonen“). Sein Gott und dessen Reich, das er predigte, waren von anderer Art als von seinen Mitmenschen teilweise erwartet wurde. Die Macht Gottes ermächtigte die Menschen nicht zu innerweltlicher politischer Herrschaft (vgl. z.B. die Versuchungserzählung), sondern sie gab Jesus ungeheure Kraft auch angesichts feindlicher Mächte. Diese wollten ihn dazu verleiten, den Weg der Gerechtigkeit aufzugeben. Als Kind war er den Mächtigen ausgeliefert. Und am Kreuz war er einerseits ohnmächtig den anderen ausgeliefert, andererseits blieb er integer: Er ließ sich nicht von feindseliger Behandlung dazu zwingen, selbst feindselig zu werden und seine Lehre (z. B. die der Bergpredigt) zu verraten; er blieb glaubwürdig und strahlte die Hoffnung aus, dass trotzdem und gerade deswegen der Tod nicht das letzte Wort hat. Er hat seine Feinde geliebt und ihnen vergeben und stand ihnen nicht rachsüchtig gegenüber.

Gerade dadurch, dass Jesus sich nicht an innerweltliche Macht klammerte, wurde er weltverändernd:

Auf seine Mitmenschen gewann Jesus nicht dadurch Einfluss, dass er sie bevormundete, sondern dadurch, dass er sie aufbaute, für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen. Er nahm seine Mitmenschen als Expert*innen für sich selbst ernst, so zum Beispiel, als er Bartimäus fragt: „Sag mir, was ich dir tun soll?“

Übliche Machtstrukturen hinterfragte er. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ (Mk 9,35) Dieses Machtverständnis predigte er nicht nur, sondern lebte es konsequent (vgl. z. B. die Fußwaschung beim letzten Abendmahl). Ihm war eine Begegnung auf Augenhöhe ein Anliegen. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15)

Unfehlbarkeit in der katholischen Kirche

Die Unfehlbarkeit des Papstes ist ein theologisches Thema, über das seit über 150 Jahren diskutiert wird. Nach der Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870 kommt dem Papst eine Unfehlbarkeit zu, wenn er zu Fragen des Glaubens oder der Sitte unfehlbar sprechen möchte. Die Diskussionen über dieses Dogma eskalierten Ende der 1970-er-Jahre, als dem Tübinger Professor Hans Küng wegen seiner abweichenden Haltung die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde. Die päpstliche Unfehlbarkeit ist die stärkste Ausformung der Machtkonzentration auf den Klerus. Zu dieser Machtkonzentration hat sich der BDKJ in seinem Demokratieförderplan folgendermaßen geäußert:

„Die innerkirchliche  Machtkonzentration  auf  den  Klerus  hin  schließt  die  Laien  in  den  meisten  (gerade  auch  sie  selbst betreffenden) Fragen von Mitverantwortung und Entscheidung aus. Eine Entscheidungsfindung, die den Laien gleichberechtigte Möglichkeiten der Mitbestimmung an die Hand gibt, ist meistens nicht vorgesehen und bestenfalls durch unverbindliche Beratungszugeständnisse ersetzt.“ (Demokratieförderplan, Beschluss der BDKJ-Hauptversammlung 1994, S. 2)

Der Priester und die Macht

Der Bischof ist auch „Verwalter der Gnade des höchsten Priestertums“, besonders in der Eucharistie, die er selbst darbringt“ oder durch die Priester, seine Mitarbeiter, „darbringen lässt“ (LG 26). Die Eucharistie ist ja das Lebenszentrum der Teilkirche. Der Bischof und die Priester heiligen die Kirche durch ihr Gebet und ihre Arbeit, durch den Dienst am Wort und an den Sakramenten. Sie heiligen sie durch ihr Beispiel, nicht als „Beherrscher“ der „Gemeinden“, sondern als „Vorbilder für die Herde“ (1 Petr 5,3). So werden sie „zusammen mit der ihnen anvertrauten Herde zum ewigen Leben gelangen“ (LG 26).(KKK 893)

Teilhabe am Gottesdienst

Mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es vielfältige Möglichkeiten der aktiven Teilnahme am Gottesdienst. Die katholische Liturgie ist reichhaltig an Riten, Symbolen und Gesten. Dies umfasst auch die unterschiedlichen Rollen und Dienste, die die Mitfeiernden übernehmen. In ihr kommt dem Priester eine besondere Rolle zu. Die Gestaltung und Inszenierung der Liturgien spiegelt dabei jedoch auch ein gewisses Machtverständnis wider.

Wer darf in der katholischen Kirche predigen?

Insbesondere das Verlesen des Evangeliums sowie die Predigt sind nach wie vor Geweihten vorbehalten. Was spricht dagegen, diese Erlaubnis auch explizit Lai*innen zu erteilen, anstatt dass man es ihnen entweder verbietet oder dort, wo faktisch gepredigt wird, dies künstlich anders zu nennen?

Beichte anfällig für Machtmissbrauch?

Welche Schlüsse sind hinsichtlich des Sakramentes der Buße zu ziehen? Die MHG-Studie, aber auch die Fälle spiritueller Gewalt zeigen, dass dieses Sakrament besonders anfällig für Machtmissbrauch ist. Harald Dreßing, der Leiter der Forscher*innengruppe der MHG-Studie erklärt, dass die Beichte "genutzt wurde, um Kinder auszuspähen sozusagen. Wer kommt als Opfer infrage? Der Beichtstuhl war teilweise Tatort und die Beschuldigten haben teilweise ihre Taten da gebeichtet, haben Absolution bekommen und weitergemacht."

Gewaltenteilung in der katholischen Kirche heute

Die Bischöfe leiten Teilkirchen, die ihnen anvertraut worden sind, als Stellvertreter und Gesandte Christi durch Rat, Zuspruch und Beispiel, aber auch mit Autorität und heiliger Vollmacht“ (LG 27). Diese Autorität müssen sie jedoch zum Aufbau der Gemeinde im Geist des Dienens ausüben, der der Geist ihres Meisters ist. (KKK 894)

Leitung ist Verantwortung

Leitung zu übernehmen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Die kirchliche Tradition kennt unterschiedliche Verfahren, wie Personen in Leitungsämter gekommen sind. Leitung per Wahl zu bestimmen und zu teilen, scheint auf den ersten Blick im Vergleich zu einem streng-hierarchischen Verfahren Machtverlust zu bedeuten.

Warum eine Gewaltenteilung in der Kirche wichtig ist

Würde eine demokratischere Verfasstheit nicht eigentlich einen Machtgewinn bedeuten? Gewählt zu werden bedeutet, anerkannt zu werden, Rückhalt durch die, die der gewählten Person zutrauen, Verantwortung zu übernehmen, bedeutet eine höhere Autorität zu haben. In den Jugendverbänden haben wir gute Erfahrungen mit der doppelten Beauftragung gemacht: Geistliche Leitungen werden von den Verbandsmitgliedern gewählt und im Auftrag des Bischofs beauftragt. Zudem wird im Vorstand Leitung geteilt.

Die MHG-Studie empfiehlt dringend Gewaltenteilung in der Kirche. Gegenseitige Kontrolle und Rechenschaftspflicht sowie eine Beauftragung auf Zeit reduzieren Missbrauchsanfälligkeit eines Systems. Historiker*innen und Kirchenrechtler*innen sehen bereits heute Spielräume, wie die Bischöfe mit ihrer Macht anders umgehen, Macht delegieren können. Den Vorschlag der freiwilligen Selbstbindung eines Bischofs an in breiter, echter Beteiligung erwirkten Beschlüssen, wie ihn z. B. Sabine Demel vorschlägt (vgl. Literaturliste) oder erste Übertragung von Gemeinde- und Verwaltungsleitung an Lai*innen wie im Bistum Osnabrück halten wir für zukunftsweisend.

Kirche und Macht

Argumentationshilfe zu Machtstrukturen, Partizipation und Gewaltenteilung in der katholischen Kirche.