Emigration und Solidarität

  • Litauen-Blog

(Bild: Johannes Münch)

Seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 hat Litauen einen rasanten und prinzipiell erfolgreichen Transformationsprozess durchlebt. In einem Hintergrundgespräch mit Arūnas Kučikas, dem Vorsitzenden des litauischen Caritasrates und Diözesan-Caritasdirektor in der Erzdiözese Kaunas, und Deimantė Bukeikaitė, der Genrealsekretärin der Caritas in Litauen, informierten wir uns heute über aktuelle sozialpolitische Fragen im Land.

Das zentrale Gesprächsthema war die Arbeitsemigration von jungen Menschen ins Ausland. Seit dem EU-Beitritt 2004 sind über 500.000 Litauer*innen ausgewandert, vor allem aufgrund besserer Arbeitsbedingungen und erhoffter Zukunftschancen. Die Auswanderung trägt ganz wesentlich zum demografischen Wandel bei, belastet die betroffenen Familien und sorgt in einigen Branchen für einen Fachkräftemangel. Durch ein stabiles Wirtschaftswachstum hat sich die Situation in den letzten Jahren etwas entspannt, bleibt aber die größte Herausforderung des Landes.

Arūnas Kučikas verwies zudem auf die enormen Einkommensunterschiede in Litauen, die zu einem weit verbreiteten Ungerechtigkeitsempfinden führen würden. Das Armutsrisiko liegt bei über 25 Prozent. Vor diesem Hintergrund werden Fragen der gesellschaftlichen Solidarität und des Zusammenhaltes derzeit intensiv öffentlich diskutiert, was der Experte ausdrücklich begrüßte.

Während des zweistündigen Treffens sprachen wir außerdem über die Lebensumstände in strukturschwachen ländlichen Gebieten und über die Rolle freier Träger in der Wohlfahrtspflege. Interessant waren aus deutscher Perspektive insbesondere die litauischen Überlegungen zur näheren Anbindung der Caritas-Arbeit an die katholischen Pfarrgemeinden im Land.

Diesen Artikel teilen auf