Kommentar zur Studie „Wie ticken Jugendliche 2012?“

Weil Jugendliche besser verstanden werden müssen
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Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) kommentiert die Sinus-Studie „Wie ticken Jugendliche 2012? – Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland“ wie folgt:

Weil Jugendliche besser verstanden werden müssen

Gesellschaft zukunftsfähig machen und die christliche Botschaft leben – dafür engagieren sich 660.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Zwischen Komasaufen und Turboabi: Auch Jugendliche in der katholischen Jugendarbeit sehen sich in der Öffentlichkeit häufig mit eindimensionalen Jugend-Darstellungen konfrontiert. Nur Wenige machen sich die Mühe, genauer hinzusehen. Jugendliche zu verstehen, ihren Alltag, ihre Sorgen, ihre Musik und ihre Wünsche zu kennen, eben zu wissen, wie sie ticken: Das leistet die neue Sinus-Jugend-Studie. 

Diese zweite qualitative Grundlagen-Studie spricht nicht über Jugendliche, sie lässt sie selbst zu Wort kommen. Einen direkteren und umfassenderen Einblick in ihre Lebenswelten gibt es nicht. Das unterscheidet die Sinus-Studie von allen andern. Deshalb ist sie für die Jugendarbeit in Deutschland von unschätzbarem Wert.

Schon die Studie „Wie ticken Jugendliche?“ (2008) hat wertvolle Erkenntnisse gebracht. Nach vier Jahren und mit veränderten gesellschaftlichen Bedingungen schärft die neue Sinus-Jugendstudie den Fokus und hilft, Jugendliche besser zu verstehen. 

Die Jugend von heute gibt es nicht: Vielfalt erkennen

Wer DIE Jugend sucht, findet in der Studie eine ganze Bandbreite an Wertvorstellungen, Stilen, Orientierungen und Szenen. Das einfachste und zugleich schwierigste Ergebnis der Studie ist, dass es die Jugend nicht gibt. Jugendwelten in Deutschland sind vielfältig, zum Teil gegensätzlich. Wer das versteht und danach handelt, hat viel gewonnen. 

Dass dieses Mal nicht nur katholische Jugendliche, sondern 14- bis 17-Jährige unterschiedlichster Herkunft und Religionszugehörigkeit sowie areligiöse befragt wurden, bildet die Realität schärfer ab. Für uns, die wir möglichst alle Lebenswelten mit der christlichen Botschaft erreichen wollen, eine sehr wichtige Erweiterung.

„Lasst uns doch bitte einfach mal jung sein“

Die meisten Jugendlichen empfinden und beschreiben einen Druck, neutral formuliert: die Anforderung, effizient und nützlich zu sein. Daraus ist schon längst eine Grundhaltung geworden: Das eigene Leben zielgerichtet gestalten und dabei möglichst flexibel bleiben. Die Frage nach der eigenen Zukunft und deren Absicherung wird zur zentralen Frage dieser Lebensphase. Der Heranwachsende wird zum Mini-Erwachsenen. 

Die gesellschaftlich verbreitete Angst „abzurutschen“ wird nicht selten und immer früher zum Antrieb. Diese Entwicklung finden wir bedenklich. Denn während der Großteil der Jugendlichen dabei dennoch einen positiven Blick in die Zukunft richtet, zeichnet sich eine große Gruppe in der „prekären“ Lebenswelt durch Perspektivlosigkeit und Zukunftspessimismus aus. Mit der Studie machen wir auf die Situation junger Menschen aufmerksam und wollen sie in Teilen verändern.

Wir finden, junge Menschen sollen sich ausprobieren, sich erfinden, auch Fehler machen dürfen, sie sollen eben nicht nur effizient und nützlich sein müssen. Kurz gesagt: Sie müssen Freiräume haben. Viele, die diesen Druck spüren, denken: „Lasst uns doch bitte einfach mal jung sein.“

Abgrenzung abbauen

Diejenigen, die dem gesellschaftlich vorgegebenen Tempo nicht standhalten, stehen mehr denn je in der Gefahr, abgehängt zu werden. Mit der Lebenswelt der „Prekären“ wird erstmals offensichtlich, was es für Jugendliche heißt, unter schwierigsten Bedingungen zu leben. 

Die bereits aufgrund ihrer Startvoraussetzung Marginalisierten bilden eines von zwei Extremen in einem spannungsreichen Verhältnis der Lebenswelten. Auch wenn sich aufgrund des qualitativen Charakters der Studie die Zahl der prekären Jugendlichen nicht abschließend bestimmen lässt, ist allein die Existenz dieser Lebenswelt eine Mahnung. Wenn man weiß, dass rund zwei Millionen junge Menschen unter 18 Jahren von Armut bedroht sind, muss dieses Ergebnis wachrütteln. 

Zeitgleich ist die zunehmende Tendenz einer Entsolidarisierung erkennbar. Auch die leistungsstarken und finanziell meist gut ausgestatteten Jugendlichen sind mehrheitlich an ihrem  eigenen Fortkommen interessiert. Mehr noch: Alle anderen Lebenswelten grenzen sich bewusst von der prekären Lebenswelt ab („Opfer“, „Asi“). 

Es muss im Interesse aller gesellschaftlichen Akteure sein, die Ausprägung der prekären Lebenswelt zu verringern, die Abgrenzungstendenzen zwischen den Lebenswelten abzubauen und damit auch sozialen Sprengstoff zu entschärfen. 

Auch wir als katholische Jugend wollen dabei helfen, weil wir glauben, dass mehr Gerechtigkeit möglich ist. Unser derzeitiger Beitrag reicht dabei von politischer Bildung (Aktionen gegen Jugendarmut) bis zur Jugendsozialarbeit und Jugendberufshilfe. Auch Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit helfen, Gewalt und Ausgrenzung vorzubeugen. Politik darf also nicht den Fehler machen, daran zu sparen. Gleichzeitig sind wir als BDKJ gefordert, Ausgrenzung in unseren eigenen Reihen anzuerkennen und zu reduzieren. 

Kirche spielt keine Rolle

Die Ergebnisse für das Thema Glaube und Religion bestätigen den schon 2008 belegten und in fast jeder Kirche am Sonntag sichtbaren Trend: Ein Großteil der Jugendlichen verbindet mit dem Stichwort Glauben nicht unbedingt das Thema Religion und noch seltener Kirche. Dass für alle jugendlichen Lebenswelten die Sinn-Suche für das eigene Leben bedeutend und sogar im Glauben einen Sinn finden, darf für uns kein Ruhepolster sein. 

Glaube wird vornehmlich als personalisiert und von der Kirche unabhängig gesehen und gelebt. Das stellt die kirchliche Jugendarbeit immer noch vor große Herausforderungen. Als Teil einer Kirche, die von einem Gros der Heranwachsenden als unmodern, diskriminierend und fern ihrer Alltagssorgen bewertet wird, ist es schwierig, eben jene jungen Menschen zu erreichen. Mit Kirche wird vornehmlich die institutionelle Verfasstheit der Kirche (hierarchische Strukturen) und ihr oftmals altes Erscheinungsbild (Pfarrer, alte Menschen, alte Lieder, alte Gebäude) verbunden. Das schreckt junge Menschen mehrheitlich ab.

Wir müssen weiter neue Wege einschlagen, die Botschaft des Evangeliums in die Sprache, die Ästhetik, die Musik der einzelnen Lebenswelten zu übersetzen. So kann es gelingen, die Lebenswelten wieder mit den heute noch gültigen christlichen Antworten auf ihre Sinnsuche in Kontakt zu bringen.

Engagement

Jugendliche aus allen Lebenswelten engagieren sich bei Themen, die ihr Umfeld und das Zusammenleben mit ihren Mitmenschen betreffen. Während der BDKJ als „katholisch, politisch, aktiver“ Akteur in der Gesellschaft dieses Engagement als politisches betrachtet, wird dies so von den Jugendlichen selbst selten wahrgenommen. Zum einen gilt es, stärker zu kommunizieren, an welchen Orten und in welchen Formen Engagement möglich ist, zum anderen ist das Nebeneinander von altruistischer und egotaktischer Motivation zu akzeptieren. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, als Vertreter dieser jungen Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt zeitlicher Freiräume zu kämpfen, die Engagement erst möglich machen.

Wenn schon viel Schule, dann bitte mit uns

Schule bestimmt einen beträchtlichen Teil des Alltags junger Menschen. Der BDKJ fordert, dass sich Stundenpläne und Stundenzahlen am Wohl von Kindern und Jugendlichen ausrichten müssen – und noch genügend Zeit für non-formale und informelle Bildung (wie zum Beispiel Jugendarbeit) bleibt. Jugendverbände stehen durch die kleiner werdenden Zeitfenster unter Druck. Dabei möchten wir aktiv die Lebenswelt von Jugendlichen mitgestalten und sehen eine sinnvolle Ergänzung zur formalen Bildung. Die Studie bestätigt unsere Beobachtungen, dass das achtjährige Gymnasium Schülerinnen und Schüler unter starken Leistungsdruck setzt.

Jugendlichen online und offline begegnen

Die Analyse der Mediennutzung zeigt, dass der BDKJ mit seinem Bestreben, jugendlichen Lebenswelten auch in sozialen Netzwerken zu begegnen, die richtigen Kommunikationswege eingeschlagen hat. Gleichzeitig betonen wir die Bedeutung der persönlichen Begegnung und des personalen Angebots, die virtuelle Netzwerke nur ergänzen und nicht ersetzen (wie die Studie zeigt). Auch hier ist es wichtig, sozial benachteiligte junge Menschen nicht aus dem Blickfeld zu verlieren, nur weil sie nicht in einem bestimmten Maße virtuell an der Gesellschaft teilnehmen.

Was hat der BDKJ aus der Studie 2008 gelernt?

Seit 2008 setzen wir uns intensiv mit den Ergebnissen der Studie „Wie ticken Jugendliche?“, die damals eine breitere Altersspanne (U27) umfasste, auseinander. In vielen Schulungen und Veranstaltungen haben wir die Ergebnisse sehr breit kommuniziert und diskutiert. Auf allen Ebenen der (katholischen) Jugendarbeit begann ein Prozess, der bis heute andauert und durch die vorliegende Studie neue Impulse bekommt.

Dabei ist schon als Erfolg zu werten, dass sich Kirchenleitungen, Erwachsenenverbände, Pfarreien, aber auch Parteien und andere Verbände mit der Vielfalt jugendlicher Lebenswelten befassen. So konnten wir der Jugend und ihren Anliegen eine Stimme geben. Wenn auch nicht in Massen, sind auch konkrete Projekte daraus hervorgegangen. 

So ist der BDKJ-Bundesverband mit seiner Bundestagswahlaktion „Wahlhelden“ 2009 neue Wege gegangen. Die Zielgruppe der Jung- und Erstwählenden haben wir nach den Sinus-Milieus analysiert und mit einer Comic-Optik eine möglichst übergreifend anschlußfähige Ästhetik gefunden. Gleichzeitig hat die Kampagne auf Online-Kommunikation gesetzt. Der BDKJ im Erzbistum Hamburg hat in Folge der Sinus-Ergebnisse eine neue Jugendzeitschrift aufgelegt (www.cayennepepper.de). Als Zeitschrift, E-paper und im Blog greift sie monatlich sowohl alltagsrelevante als auch religiöse Themen auf. Dabei gelingt es dem Redaktionsteam, die Themen konsequent in Ästhetik und Bildsprache konsequent umzusetzen.

Ausblick: Unsere Potentiale stärker nutzen

Wir stellen uns auch in Zukunft der Herausforderung vielfältiger Lebenswelten. Gleichwohl wissen wir, dass es schwierig ist, alle Jugendlichen in allen Lebenswelten zu erreichen. Im BDKJ sind aktuell 16 Mitgliedsverbände und Jugendorganisationen vertreten. Deren Vielfalt in Themen, Zugangsweisen und Ansprache ist eine Chance. Sie zu stärken kann eine Weise sein, mehr Lebenswelten anzusprechen. 

Wer für und mit Jugendlichen Gesellschaft gestalten will, muss wissen, was sie bewegt. Dabei sind ihre Themen so vielfältig wie ihre Lebenswelten. Die Sensibilität für Ungleichheiten in der Gesellschaft, Kritik an diskriminierendem Verhalten und der Wunsch nach Gerechtigkeit in möglichst vielen Ebenen von Umwelt und Gesellschaft zeigen die Relevanz sozialer, ökologischer und ethischer Themenfelder und damit die Nähe zur christlichen Kernbotschaft. Kritischer Konsum, Jugendarmut und Gleichberechtigung: Es gibt konkrete Schnittstellen zu BDKJ-Themen. Gleichzeitig müssen wir diese anschlussfähiger kommunizieren. Es gilt auch zu zeigen, dass durch Handeln aus dem Glauben Veränderungen möglich sind. 

Düsseldorf, 22. März 2012

Dirk Tänzler für den BDKJ-Bundesvorstand

Weiterführende Links und Downloads:

Sinus Themenseite des BDKJ

Kommentierung als PDF

KONTAKT

Sinus-Experte: Christian Gentges, gentgesbdkjde, 02114693174

Pressesprecher: Michael Kreuzfelder, pressebdkjde, 017617956099

Der BDKJ ist Dachverband von 16 katholischen Jugendverbänden und -organisationen mit rund 660.000 Mitgliedern. Er vertritt die Interessen von Kindern, Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Mehr Infos unter www.bdkj.de

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